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10 Tage Vipassana – 100 Stunden Meditation: Schweigen | Schmerzen | Erkenntnisse

Punkt 4 Uhr morgens wird die Glocke geläutet. Es ist Hochsommer, dunkel ist es draußen trotzdem noch. Wenig achtsam schleppe ich mich aus dem Bett, wasche mir kurz das Gesicht und stapfe durch den kühlen Morgen die 200 Meter zu der Meditationshalle. Bis zum Frühstück um 6:30 Uhr findet hier die erste Meditation des Tages statt. Der Geist ist noch schläfrig und erst nach einer guten Stunde Konzentration auf den Atem stellt sich so etwas wie ein meditativer Zustand ein. Ich bin beim Dhamma Pajjota Vipassana-Zentrum in Belgien und nehme hier an meinem zweiten Vipassana Seminar teil.

Hier wird für zehn Tage konsequent geschwiegen, es gibt keinen Blickkontakt mit anderen Schülern, keinen Kontakt nach außen, das Gelände darf nicht verlassen werden, und elektronische Geräte sowie Bücher und Stifte sind sowieso verboten. Heißt: Für zehn Tage lebt und arbeitet man wie ein Mönch.

Warum man sich für so etwas entscheidet? Einen Erklärungsversuch wage ich hier. Eins kann ich vorwegnehmen: Die Zeit ist schwierig, es ist harte Arbeit. Vor allem sind die Tage überaus erkenntnisreich und wertvoll für einen selbst. Deshalb vorweg an jeden die Empfehlung, einen solchen zehntägigen Kurs mitzumachen und die Erfahrung selbst zu machen.

Vipassana – Sieh’ die Dinge so, wie sie sind

Vipassana ist eine 2500 Jahre alte Meditations-Technik mit der man „die Dinge so sieht wie Sie sind“. Die Methode ist Training für den Geist und ein Weg der Selbstveränderung durch Selbstbeobachtung. So wie körperliche Übungen genutzt werden, um die physische Gesundheit zu verbessern, entwickelt die Praxis von Vipassana einen gesunden Geist. Ziel der Meditation ist die Entwicklung von Gleichmut (Balance des Geistes; Ausgeglichenheit).

In Burma (heute Myanmar) wurde die Technik über Jahrtausende in ihrer reinen Form bewahrt. Unlängst hat diese Art der Meditation erneut weltweite Bekanntheit und Beliebtheit erlangt und heutzutage gibt es um die 170 Vipassana-Zentren weltweit.

Die Technik basiert auf drei Schlüsselelementen: (1) Sīla | Moralisches Leben durch das Einhalten von fünf Regeln (z.B. nicht lügen und nicht stehlen), (2) Samādhi | Konzentration: Herrschaft über den Geist durch das achtsame Beobachten der Atmung, und (3) Pannā | Weisheit: Erlangt durch das objektive Betrachten von Empfindungen auf dem eigenen Körper und durch die Realisierung, das alles in unserem Universum Impermanent ist und sich ständig verändert (Anicca).

vipassana tagesablauf, meditation
Der Tagesablauf des 10-Tage Vipassana-Kurses.
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Die im Westen sehr beliebte Achtsamkeitsmeditation (Mindfulness), die oft das Ziel hat den Geist zu beruhigen und arbeitet oft „nur“ mit dem Bewusstsein. Vipassana hingegen zielt auf Veränderungen des Unterbewusstseins ab. Mit vollkommener Gleichmütigkeit beobachtet man die Empfindungen am eigenen Körper. Dabei entwickelt man weder Abneigung gegenüber negativen Empfindungen (z.B. Schmerz oder Jucken), noch Verlangen nach positiven Empfindungen (z.B. feinen Vibrationen). Man identifiziert sich nicht mit seinen Empfindungen, Gedanken und Emotionen. Um die Technik richtig zu lernen, nimmt man an einem zehntägigen Kurs teil. Der Kurs erfordert sorgfältiges, ernsthaftes Arbeiten. Man meditiert zehn Stunden täglich und die letzte Mahlzeit des Tages erhält man um 11:00 Uhr. Es ist echt hart, aber es lohnt sich.

Schmerzen und Einsichten | Leid und Freud

Meine Erfahrungen und Einsichten sind so intensiv und vielfältig, dass ein einzelner Blogartikel nicht annähernd ausreicht diese Fülle wiederzugeben. Ich konzentriere mich daher auf die für mich bedeutendsten Punkte.

Viele Vipassana-Schüler vergleichen die Teilnahme an einem Kurs mit einer extremen Achterbahnfahrt. Auch ich habe diese Erfahrung beide Male gemacht (das erste Mal beim Retreat im Sommer 2018). Während ich den einen Moment noch den Gleichmut eines buddhistischen Mönches besitze, ist mein zügelloser Geist nur Stunden später unmöglich zu bändigen. Licht und Schatten, Harmonie und Schmerz, Freud und Leid wechseln sich – wie im Leben halt auch – in rasender Geschwindigkeit ab. Das ist vielleicht auch schon die erste wichtige Erkenntnis dieser zehn Tage: Das Leben besteht aus Höhen und Tiefen – für jeden von uns. Leid ist genauso ein Teil des Lebens wie Freude. Schicksalsschläge werden uns alle treffen.

Die ersten drei Tage Vipassana | Should I stay or should I go?

Doch zurück zu dem Kurs. Die ersten drei Tage waren besonders herausfordernd. Hier liegt der Fokus auf Achtsamkeitsmeditation (Konzentration auf den natürlichen Fluss der Atmung). Das ist anfangs echt langweilig und ich habe mir meist nur gedacht: „Warum habe ich mir das nur noch einmal angetan?“. Viele Schüler stehen jetzt schon kurz davor aufzugeben. Denn neben der harten Meditations-Arbeit treten Entzugserscheinungen ein – Entzug von Smartphone, von Medien, von Interaktionen mit anderen. Außerdem realisiert man, dass die Zeit hier langsamer vergeht und man fragt sich, wie man die verbleibende Woche nur übersteht. An diesem Punkt helfen nur ein starker Wille, eine starke Entschlossenheit sowie Vertrauen in die Technik. Man zieht es einfach durch – es wird besser.

Tag vier | Endlich ist Vipassana-Tag

Und siehe da: An Tag vier schlägt der Gemütszustand ins Positive um. Mein Geist ist jetzt fokussiert und ich konzentriere mich zunehmend auf die Meditation und mich selbst. Jetzt wird auch endlich die Vipassana-Technik gelehrt. Der Prozess der Selbstbeobachtung startet und „das Außen“ verliert zunehmend an Bedeutung. Dann beginnen noch die „starke Entschlossenheit“ Sitzungen. Dreimal täglich sitzt man für eine Stunde, ohne die Augen zu öffnen und ohne die Sitzposition (z.B. Schneidersitz) zu ändern. Das ist mit viel Schmerz verbunden, doch auch der Schmerz kann ein guter Lehrer sein. Ich mag diese Sitzungen – Sie fordern dich heraus und sind zudem hilfreich bei der Meditation.

Meine ersten Erkenntnisse
  • Schmerz ist nicht gleich Leid. Wenn man eine Stunde auf dem Boden sitzt ohne seine Position zu ändern, kriegt man starke Schmerzen – in den Beinen, im Rücken und im Nacken. Wenn man diese Schmerzen jedoch aus einer Metaperspektive beobachtet und sich nicht damit identifiziert merkt man, dass man nicht darunter leiden muss. Erst die Abneigung gegenüber dem Schmerz erzeugt Leid. Und diese Erkenntnis lässt sich auf alle Facetten des Lebens übertragen.
  • Alles befindet sich im ständigen Wandel. Nichts ist für die Ewigkeit. Durch die genaue und objektive Betrachtung darauf, was in diesem Moment im eigenen Körper vor sich geht, versteht man sehr schnell, dass sich alles im Leben ständig verändert. Man altert ja auch nicht in Schüben, sondern jeden einzelnen Moment. Jede Empfindung im Körper – ob angenehm oder unangenehm – taucht auf und vergeht wieder. Diese Erkenntnis – wenn durch eigene Erfahrungen zu ihr gelangt – ist wohl der größte Faktor für die Entwicklung von Gleichmütigkeit.

Vipassana Tage fünf und sechs | Ein unruhiger Geist

Die Euphorie des vierten Tages hielt nur kurz an und die Tage fünf und sechs wurden sehr herausfordernd. Wie gesagt: Achterbahnfahrt. Während ich versuchte, den Anweisungen des Lehrers zu folgen und mich in Gleichmut zu üben, dominierten Unruhe und Sorgen meinen Geist. Sorgen über die Familie, Sorgen über das BegeisterungsLand, Sorgen über so ziemlich alles. Nunmehr fünf Tage hatte ich keine Möglichkeit mehr mich durch Netflix, Youtube, Facebook oder auch Bücher abzulenken. Zwangsläufig musste ich mich schmerzhaften Erinnerungen und plagenden Sorgen direkt stellen. Meine Gefühle hatten zudem kein Ventil mehr zum „rauslassen“ – alles was hochkochte musste ich mit mir selbst ausmachen. Schnell entstand so ein Teufelskreislauf: Wegen der inneren Unruhe versuchte ich krampfhaft, gleichmütiger zu sein und den Geist zu beruhigen (ein Widerspruch in sich), dadurch wurde ich nur noch aufgebrachter, noch krampfhafter, und so weiter.

Die Meditation wurde in diesen zwei Tagen ganz schwierig; der Kampf mit mir selbst war ständig präsent. Die gute Nachricht: Wenn man sich trotz der starken inneren Unruhe immer wieder in Gleichmut übt und einfach dranbleibt, kann man diesen Kampf letztlich nur gewinnen. Sie ahnen es: Ich habe ihn gewonnen. Und rausgekommen bin ich mit stärkerem Gleichmut, gewachsenen Vertrauen in mir selbst und zwei tiefgreifenden Erkenntnissen.

Weitere Erkenntnisse
  • Um stabilen und tiefgründigen Gleichmut entwickeln zu können, braucht man Geduld und Akzeptanz für das Hier und Jetzt. Man sollte möglichst keine Erwartungen hegen. Es ist jetzt gerade so, wie es ist, und das akzeptiere ich. Auf Basis dieser Akzeptanz kann ich die richtigen Maßnahmen einleiten um die Situation zu ändern.
  • Der Weg zu sich selbst ist (auch) schmerzhaft – besonders auf der emotionalen Ebene. Man muss auch seinen „Schattenseiten“ ins Gesicht sehen um sich selbst kennenzulernen und Gleichmütigkeit und innere Ausgeglichenheit entwickeln zu können.

Vipassana Tage sieben bis zehn | Das Ende ist am Schönsten

Vielleicht denken Sie jetzt: „Oh Gott, das klingt ja nach Horror und Tortur pur, wer tut sich so etwas nur freiwillig an?“ Verständlich. Doch zu Ende des Retreats – spätestens ab Tag acht – fangen die meisten Schüler an den Prozess der Selbsterkenntnis und Selbstveränderung zu genießen. Man hat schon so viele tiefe Erkenntnisse gewonnen, kennt sich selbst besser, hat Herausforderungen gemeistert und hat einfach nur durchgehalten. Es sind auch Veränderungen in einem selbst spürbar. Der Geist ist mittlerweile so konzentriert (geschärft), dass man sehr feine Empfindungen am ganzen Körper spürt. Und auch wenn es mal schmerzt, brennt oder juckt: es wird zunehmend einfacher, den Gleichmut zu bewahren.

Am letzten Tag wird die Stille dann gebrochen. Man kann sich endlich mit seinen Mitschülern austauschen. Vieles dreht sich dabei um die Erfahrungen, die man in den letzten zehn Tagen gemacht hat. Es hat mich auch dieses Mal wieder erstaunt wie ähnlich die Erfahrungen der Schüler waren.

Und so findet diese aufregende, schmerzhafte und auch schöne Achterbahnfahrt ein freudiges Ende. Jeder, der diese zehn Tage durchhält, verlässt das Zentrum mit einem guten Gefühl und einem tiefen, aufrichtigen Lächeln auf den Lippen.

Meine wichtigsten Vipassana-Erkenntnisse

Ich bin der festen Überzeugung, dass (Vipassana) Meditation ein effektives Tool für die positive Selbstveränderung ist. Meine wichtigsten Erkenntnisse aus der Zeit (und auch meiner insgesamt 4-jährigen Meditationserfahrung) fasse ich kurz zusammen:

Beobachten statt bewerten

Oft gehen wir viel zu schnell in die Bewertung. Diese unreflektierte Reaktion schränkt nicht nur unsere Handlungsmöglichkeiten ein, sondern wirkt sich oft negativ auf unser Umfeld und damit auch auf uns aus. Wir sollten lernen, Situationen objektiv zu beobachten um dann– ohne starke emotionale Reaktionen – zu Handeln!

Übrigens: Hier finden Sie unsere Podcast-Folge zu “Beobachten vs. Bewerten” mit weiteren Tipps und Tricks für den Job-Alltag.

Du bist dein Glückes Schmied

Äußere Umstände sind nicht für unser Leiden verantwortlich! Es sind unsere Reaktionen auf externe Objekte und Situationen, die Abneigung, Gier, Abhängigkeit und Wut erzeugen. Obwohl viele von uns diese Erkenntnis auf intellektueller Ebene akzeptieren, verschwenden wir weiterhin unglaublich viel Energie darauf andere Menschen und äußere Umstände ändern zu wollen. Damit sollten wir endlich aufhören und stattdessen bei uns selbst ansetzen. 

Theorie bringt dich nicht weiter, nur aktives Machen

Wer 100 Bücher über Meditation liest aber keine Art der Meditation praktiziert, wird absolut keine Veränderung in sich feststellen. So verhält es sich mit allem im Leben: Veränderungen sind nur durch das aktive Umsetzen, durch Fleiß und Arbeit möglich. Nur so können wir unser Gehirn und unseren Körper verändern. Leider schreckt das viele Menschen ab, denn dadurch verpassen Sie eine große Möglichkeit, zufriedener, glücklicher, erfolgreicher und ausgeglichener zu sein. Also: Beginnen Sie heute damit, etwas für Ihre körperliche und geistliche Gesundheit zu tun!

Alles ist vergänglich | Leben heißt Veränderung

Eine zunächst schmerzhafte Realisierung. Denn alles was wir liebhaben und besitzen, ist irgendwann nicht mehr. Entweder wir verlieren es oder wir sterben. Doch besonders in schwierigen Zeiten ist diese Erkenntnis der wichtigste Anker der Gleichmütigkeit. Es gibt kein Leben ohne Talfahrten. Mit der tiefen Akzeptanz für diese Tatsache sind wir besser für das Leben gerüstet. Und wenn wir darauf vorbereitet sein möchten, müssen wir diese Erfahrung am eigenen Körper machen. Und das durch ständige Übung.

Beginnen Sie jetzt, etwas für Ihre mentale Fitness zu tun

Ich empfehle allen meinen Freunden und Familienmitgliedern, einen zehntägigen Vipassana-Kurs mitzumachen. Das bedeutet, sich für diese Zeit zu 100% darauf einzulassen und im Anschluss sein eigenes Urteil zu fällen. Alle Erkenntnisse die ich gewonnen haben basieren auf experimentellen Erfahrungen und nicht „intellektuellen Spielen“. Nochmals – da ich diesen Punkt für so wichtig halte und es so viele Menschen gibt die trotz großer Weisheit unglücklich sind und bleiben: Man wird kein guter Schwimmer, indem man ein Buch übers Schwimmen liest oder Weisheiten anderer über das Schwimmen akzeptiert. Man muss Schwimmen selbst üben. Und je mehr man übt, desto besser wird man.

Genauso verhält es sich mit der Selbstfindung und dem Glück: Nur durch das kontinuierliche Praktizieren und das Erlangen von Einsichten durch Erfahrungen am eigenen Leib kann man zu sich selbst finden. Glauben Sie meinen Erkenntnissen deshalb auch nicht blind. Sie werden Ihnen sowieso nur helfen, wenn Sie Ihren eigenen Weg suchen, finden und gehen.

Es kann sein, dass (Vipassana) Meditation nichts für Sie ist. Nehmen Sie sich zehn Tage, gehen Sie selbst hin. Auch wenn Sie herausfinden sollten, dass Vipassana nicht für Sie ist – der Kurs wird Ihnen unglaublich viel geben. Ob ich nächstes Jahr zu meinem dritten Kurs gehen werde? Es wird wohl darauf hinauslaufen. Mein gemütliches und zweifelndes Ich hat Einwände, die positiven Auswirkungen auf mich und mein Leben sind aber einfach zu bedeutend.

Egal welche Erfahrung SIE machen – es lohnt sich!


Wenn Sie Interesse haben, an einem Vipassana-Kurs teilzunehmen, besuchen Sie die Website: https://www.dhamma.org/de/courses/search. Dort finden Sie alle nötigen Informationen und eine Übersicht der angebotenen Kurse. Die Kurse sind meist innerhalb weniger Tage ausgebucht, deshalb ist Schnelligkeit gefragt. Alle Kurse sind zu 100% gratis (inkl. Essen und Unterkunft). Wer möchte, kann am Ende des Kurses Geld spenden, um anderen Menschen eine Teilnahme zu ermöglichen.

Mehr Infos zu der Vipassana-Technik finden Sie hier: https://www.dhamma.org/de/about/vipassana

Übrigens: Es werden auch Vipassana-Kurse extra für Führungskräfte angeboten. Mehr Informationen dazu finden Sie hier: https://www.padhana.dhamma.org/de/vipassana-meditationskurs-fuer-fuehrungskraefte/

Wenn Sie Fragen zu meiner Erfahrung haben, beantworte ich diese sehr gerne. Schreiben Sie mir einfach unter tim@begeisterungsland.de. Ich empfehle Ihnen, sich einfach auf diese spannende Reise einzulassen.

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